Pferde sind wie ein Spiegel: Wie Tiere unserer Seele helfen können, gesund zu werden

Dieser Artikel von Siglinde Bender erschien erstmalig in der Frauenzeitschrift LYDIA, Ausgabe 3/2017. www.lydia.net

 In Therapie und Seelsorge gibt es diese Erfahrung immer wieder: Tiere tun der Seele gut; sie können Trost und Nähe spenden. Das bekannteste Beispiel ist wohl die Delfintherapie in Florida, bei der Delfine zu autistischen Kindern einen Zugang gewinnen, der menschlichen Therapeuten verschlossen ist. Gott hat manche seiner Geschöpfe mit einem besonderen Gespür ausgestattet, dadurch können sie uns auf einer anderen Ebene erreichen als ein menschliches Gegenüber. Wie hilfreich Pferde auf dem Weg der seelischen Heilung sein können, davon berichtet die Therapeutin Siglinde Bender.

Pferde kommunizieren untereinander und mit dem Menschen hauptsächlich über die Körpersprache. Gott hat die Pferde mit einer Sensibilität ausgestattet, die weit über die unsere hinausgeht. Wenn wir uns mit ihnen beschäftigen, lesen sie in uns wie in einem offenen Buch und drücken ihr Empfinden über ihre Körpersprache aus. Gelingt es uns, ihre Körpersignale zu verstehen und richtig zu interpretieren, werden Pferde zu einem Spiegel, der uns helfen kann, oft unbewusste innere Haltungen, Paradigmen und Lebenslügen zu erkennen. Nutzen wir dann das Pferde-Feedback und korrigieren unsere Haltungen und falschen Glaubenssätze im Laufe der „Pferdesprechstunde“, so spiegeln die Pferde die korrigierte Haltung ebenfalls blitzschnell wider. So ermutigen sie uns, das Erkannte im Alltag anzuwenden.

Pferde sind wie ein Spiegel: Pferde spiegeln die Familiendynamik

In unserem Schulungszentrum bieten wir im Sommer „Familientage mit Pferd“ an. Mehrere Familien kommen für einen Tag zu uns. Nach einer kurzen Einführung sucht sich jede Familie ihr Pferd für diesen Tag aus. In einer Patchwork-Familie führte sich der dreijährige gemeinsame Sohn als Chef der Familie auf. Er bestimmte alles. Von außen war das schnell zu erkennen. Ist man aber Teil der Familiendynamik, wird man leicht blind für Dinge, die schieflaufen. Im Laufe des Vormittags half ich dem Vater auf den Rücken des Familienpferds und gab dem dreijährigen Sohn den Führstrick in die Hand. Er sollte das Pferd mit dem Vater auf dem Rücken mehrere Runden über den Reitplatz führen. Der kleine Knirps tat das mit einer erstaunlichen Selbstverständlichkeit. Das Pferd ging brav mit. Zunächst fanden der Vater und die zuschauende Mutter die Situation lustig, aber je länger die Übung dauerte, desto unwohler fühlten sie sich. In der anschließenden Reflektion war sich das Elternpaar einig: In Zukunft wollten sie die Rolle des Chefs nicht mehr ihrem Sohn überlassen. Beim Mittagessen begannen sie bereits, ihre neue Haltung umzusetzen. Zuerst war der Kleine entsetzt, aber dann entspannte er sich sichtlich. Er durfte wieder Kind sein.

Eine andere Familie kam zur Intensivberatung. In der Ehe kriselte es, und die Kinder, zwei Mädchen im Alter von drei und sechs Jahren, ließen sich von Mama und Papa nichts sagen. In Gesprächen mit den Eltern wurden verschiedene Problembereiche besprochen. Dann traf die ganze Familie im Pferdecoaching auf Buddy, einen kinderfreundlichen, gutmütigen und ruhigen Wallach. Die Mutter stand mit den beiden Töchtern in der „ersten Reihe“ zum Pferd, der Vater dahinter in der „zweiten Reihe“. Buddy kam neugierig und freundlich auf die Familie zu und ließ sich von Mutter und Töchtern streicheln. Daraufhin beschwerte sich der Vater, er würde von Buddy nicht begrüßt. Ich wies ihn darauf hin, dass Buddy die Frauen hätte beiseitestoßen müssen, um zu ihm zu kommen. Er hatte sich so platziert, dass er gar nicht begrüßt werden konnte. In der Reflektion wurde ihm klar, dass er sich in vielen alltäglichen Situationen als Zuschauer abseits hielt, sich nicht beteiligte und sich von Frau und Töchtern ins Abseits gestellt fühlte. Er erkannte, dass es seine eigene Verantwortung war, sich aktiver in das Familiengeschehen einzubringen.

Pferde sind wie ein Spiegel: Pferde decken fehlende Sensibilität auf

Es tut gut, von Zeit zu Zeit innezuhalten, um sich neu zu sortieren. Meistens bringen die Menschen, die zu uns kommen, ein oder mehrere Themen mit, die sie in der Zeit bearbeiten möchten. Vieles wird natürlich im Beratungszimmer besprochen, manches lässt sich aber gut mit Hilfe des Feedback-Gebers Pferd bearbeiten.

Ein Pastorenehepaar war mit seiner Ehe unzufrieden. Als beide den Eindruck hatten, sie hätten alles Wesentliche besprochen, bat der Mann um ein Pferdecoaching, um seine Rolle als Pastor zu überdenken und sein Verhalten zu verbessern. Er suchte sich eine schöne Stute aus, die in der Herdenhierarchie weit unten steht. Seine Aufgabe war es, Franka am langen Führstrick zu führen und sie dabei hinter sich zu halten. Im zweiten Teil sollte er das hinter ihm gehende Pferd durch seine Körperhaltung und Stimme dazu bringen, in einem respektvollen Abstand hinter ihm anzuhalten, ohne ihn anzustoßen. Mir fiel auf, dass er Franka nie lobte, wenn sie die Übungen korrekt ausführte. Als ich ihn darauf ansprach, wurde ihm klar, dass er seine Gemeindemitarbeiter ebenfalls wenig lobte. Voller Elan änderte er sein Verhalten Franka gegenüber und streichelte ihr anerkennend über die Stirn. Allerdings wendete Franka den Kopf ab, um deutlich zu machen, dass ihr seine Berührung am Kopf unangenehm war. Durch einen entsprechenden Hinweis verstand er das auch. Er wiederholte die Führübung erfolgreich und streichelte Franka erneut – ohne den Widerwillen der Stute zu beachten – über die Stirn. In der Reflektion dieses Verhaltens fiel es ihm wie Schuppen von den Augen, dass er im Umgang mit anderen Menschen ähnlich unsensibel reagierte und auch deren Bedürfnisse oft missachtete. Seine Frau hatte dieses Verhalten öfter kritisiert, doch ihr Feedback konnte er bisher nicht annehmen – bis Franka ihm den Spiegel vorhielt.

Pferde sind wie ein Spiegel: Pferde reagieren auf negative Erwartungshaltungen

Eine Lehrerin suchte Rat bei den Pferden. Immer wieder passierte es, dass ihre Klassen aus dem Ruder liefen und sie keine Ahnung hatte, warum. Normalerweise kam sie gut mit ihren Schülern aus, aber plötzlich schien alles schiefzugehen. Sie bearbeitete dieses Thema mit Ben, einem sensiblen Wallach, der in der Herde die Aufgabe des Mediators innehat. Die Lehrerin und Ben bewältigten alle Aufgaben spielerisch und mit viel Spaß. Dann sollte sie den Wallach rückwärtsgehen lassen. Ben weigerte sich, auch nur einen Rückwärtsschritt zu tun. In der Reflektion fiel ihr auf, dass sie eigentlich mit einem Misserfolg gerechnet hatte. Ben reagierte auf ihre negative Erwartungshaltung. Daraufhin veränderte sie ihre Erwartung und machte Ben deutlich, dass es keine Alternative zum Rückwärtsgehen gebe. Und siehe da, es funktionierte. Auf ihre Situation in der Schule übertragen, wurde ihr deutlich: Ihre unbewusste negative Erwartungshaltung bei schwierigen Unterrichtsthemen hatte das chaotische Verhalten der Klasse provoziert. Es war eine selbsterfüllende Prophezeiung.

Einige Monate später berichtete sie begeistert, dass sie jetzt bei schwierigen Unterrichtsinhalten bewusst mit einer positiven Erwartungshaltung in die Klassen gehe. Damit gehöre das frühere Chaos der Vergangenheit an.

Pferde sind wie ein Spiegel: Pferde spüren Unaufmerksamkeit

Ein hauptamtlicher Leiter mehrerer christlicher Gruppen mit ausschließlich ehrenamtlichen Mitarbeitern arbeitete mit Shania, einer fleißigen, aber leicht ablenkbaren Stute. Bei den ersten Führübungen blieb Shania immer wieder stehen, um am Reitplatzrand zu fressen. Mein Verdacht war, dass der Leiter nicht voll konzentriert war und seine Gedanken abschweifen ließ. Als ich ihn danach fragte, verneinte es dies vehement. Daraufhin gab ich ihm die Aufgabe, Shania eine Strecke von 30 Metern zu führen und dabei voll konzentriert mit ihr zu sprechen. Während der folgenden 30-Meter-Strecke sollte er darüber nachdenken, wie er seine Frau bei seiner Rückkehr begrüßen wolle. Während der ersten Teststrecke war Shania aufmerksam und ging brav neben ihm her. Während der zweiten Strecke war sie abgelenkt und blieb wiederholt stehen, um zu fressen. In der Übertragung auf seine berufliche Situation erkannte der Leiter, dass seine Aufmerksamkeit seinen Gruppen gegenüber nachließ, wenn er den Eindruck hatte, alles laufe zufriedenstellend. In solchen Situationen entstanden immer wieder Missverständnisse, Streit und Unzufriedenheit in den Gruppen. Shania machte ihm deutlich, dass seine mangelhafte Aufmerksamkeit seinen Mitarbeitern gegenüber die Schwierigkeiten in den Gruppen verursachte. Er beschloss, seine ehrenamtlichen Mitarbeiter von nun an mit seiner ungeteilten Aufmerksamkeit zu ehren.

Pferde sind wie ein Spiegel: Pferde berühren psychisch kranke Menschen

Zahlreiche neuere Studien belegen, dass Menschen durch den richtigen Umgang mit Pferden in vielen Lebensbereichen stark profitieren und charakterlich wachsen. Wie genau das passiert, wissen wir nicht. Wir erleben jedoch jede Woche, wenn Patienten einer nahegelegenen psychiatrischen Station zu uns kommen und mit unseren Pferden arbeiten, dass …

… schwer depressive Menschen plötzlich lächeln und sich zumindest für kurze Zeit wieder lebendig fühlen. Das hilft, die Übergangszeit, bis die Medikamente zu wirken beginnen, zu überbrücken und den Absturz in die Verzweiflung aufzuhalten. So dürfen wir Woche für Woche miterleben, wie sich starre depressive Gesichtszüge beleben und Menschen neue Hoffnung schöpfen.

… Angstpatienten es schaffen, ihre Angst zu überwinden, ein Pferd erst zu berühren, dann zu schmusen und schließlich stressfrei zu führen. Die Erfahrung, diese Angst überwunden zu haben, ermutigt sie, auch andere Ängste mit Zuversicht zu bearbeiten.

… Menschen ihre Lasten und Sorgen beim Pferd ablegen können und sich erleichtert und ermutigt fühlen.

… traumatisierte Menschen, die sich in ihren Gedanken immer wieder in der Vergangenheit verlieren, in die Gegenwart zurückfinden und sich im Hier und Jetzt stabilisieren.

Ich staune immer wieder über die Auswirkungen des erlebnispädagogischen Arbeitens mit den Pferden. Da die Tiere individuell auf den einzelnen Menschen, seine Verfassung und innere Haltung reagieren, lässt sich diese Methode vielfältig einsetzen, um Verhalten dauerhaft zu verändern und charakterlich zu wachsen. Am überzeugendsten ist das eigene Erleben, was die Pferde den Menschen zu sagen haben.

Siglinde Bender ist Therapeutin, Coach und Supervisorin. Sie ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. Zusammen mit ihrem Mann arbeitet sie im PalmTree-Coaching-Zentrum (www.PalmTree-Coaching.de) und bei LeadingRein (www.leadingrein.de) in Nordfriesland.

 

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